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»Das stärkt einen«

Evangelisches Kirchspiel Frauenstein, Kirchenbezirk Freiberg

Im Kirchspiel Frauenstein gibt es ein ungewöhnliches Projekt: Noch bis 31. Oktober treffen sich regelmäßig Menschen zum gemeinsamen Bibelgespräch innerhalb der Aktion »Expedition zum Ich«



»Expedition zum ICH« ist der Titel nicht nur der Aktion, sondern auch des Buches, das die Teilnehmer allabendlich zur Hand nehmen Foto: Steffen Giersch

Donnerstag, 18 Uhr. Abendliche Ruhe senkt sich über Frauenstein. Die Stadtkirche ist geöffnet – ungewöhnlich für einen Wochentag wie diesen. In den ersten drei Bankreihen vorn am Altar hat sich ein Grüppchen von vier Männern und drei Frauen versammelt. Jeder von ihnen mit einem Buch in der Hand: »Expedition zum ICH« von Klaus Douglass und Fabian Vogt. Friedmar Altwein spricht ein Gebet, liest eine Passage vor aus dem Alten Testament, darauf vertiefen sich alle still in den Text.

Aus dem anschließenden Gespräch wird bald schon eine muntere Diskussion. Über freie und vorgefertigte Gebete, über die Wirksamkeit der Liturgie in den Gottesdiensten der Gemeinde. Man erzählt einander Erlebnisse, berichtet von persönlichen Erfahrungen.

Was diese Menschen seit September an jedem Wochentag hier zusammenführt, ist ein ganz neues Bibelprojekt, erdacht von Klaus Douglass, einem der beiden Buchautoren. Er ist evangelischer Pfarrer in Niederhöchstadt bei Frankfurt am Main. Manche kennen ihn von dem neuen Gottesdienst modell »GoSpecial«, das er 1995 kreierte. Seither gilt der 49-Jährige als Experte in Sachen Gemeindeaufbau. Sein neues Projekt will die Reise durch Haupttexte der Bibel in 40 Tagen mit einer Expedition zum Ich, zur eigenen Persönlichkeit, verbinden.

Angelegt ist das als Gemeindeprojekt. In zwölf der Dörfer, die zum Kirchspiel Frauenstein im Kirchenbezirk Dippoldiswalde gehören, haben sich kleinere oder größere Gruppen gebildet. »Kaum einer hat bisher besonders intensiv die Bibel gelesen«, sagt Pfarrer Georg Zimmermann. »Und der Gottesdienst ist, was die Auslegung betrifft, eher Monolog als Dialog.«

Hier jedoch ist jeder gefragt. »Dass man sich gegenseitig erzählen kann, was man aus dem Text liest, finde ich gut«, meint Friedmar Altwein. »Und dieses Gemeinschaftserlebnis«, ergänzt Matthias Göhler, »das stärkt einen.« In das Projekt-Tagebuch, das im Vorraum der Kirche ausliegt, hat jemand eingetragen: »Es tat gut, unter Christen zu sein.« Christian Huth, als nichtordinierter junger Theologe der Pfarrervertreter in der Gemeinde, sagt, hier könne jeder auch seine Schwierigkeiten, seine offenen Fragen angesichts der Bibeltexte äußern.

Volkmar Niese kennt eine Frau im Nachbardorf, die zum ersten Mal mit Begeisterung in der Bibel liest. Auch fünf, sechs Frauen um die 35, die jüngeren also, kämen in den Gruppen zusammen, berichtet Christine Niese. Freilich, bis 31. Oktober durchzuhalten, das sei schon sehr anspruchsvoll, sagt Annette Aldinger. Besonders, wenn man berufstätig sei. Ein Buch von 400 Seiten und so viele Bibeltexte auf einen Ritt, da fühle sie sich schon manchmal überfordert. Genau diese Angst, sich zu übernehmen, habe etliche auch vor einer Teilnahme zurückschrecken lassen.

Aber so etwas einfach mal 40 Tage lang durchzuziehen, sei schon gut, sagt Pfarrer Zimmermann. Das Projekt spreche sowohl die Frommen an als auch jene, die ein eher lockeres Verhältnis zur Gemeinde pflegen. Vor allem sei es eine Chance für Gemeinden mit mehreren Dörfern, intensivere Gemeinschaft zu praktizieren. »In dieser Kleingruppenstruktur, da muss die Urgemeinde ganz am Anfang mal funktioniert haben.«

Tomas Gärtner

Quelle:
Der Sonntag - Wochenzeitung für die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens

 
 

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